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Essen und Verantwortung: Wer stellt die Weichen?

Wien (Culinarius/OTS) – Wer kann und soll Verantwortung für Übergewicht und Adipositas übernehmen? Die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft, jede und jeder Einzelne? Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür? Die steigende Zahl der Betroffenen sowie die Therapie-Kosten für Folgeerkrankungen und eine zunehmende Gesundheitsorientierung in der Gesellschaft lassen diese Fragen immer wieder aufkommen. Das forum. ernährung heute lud zum vierten „f.eh-Dialog“, um mit Vertretern der Ernährungswissenschaften, Medizinethik, Theologie sowie Politik und Wirtschaft intensiv zu diskutieren.

Wie sich ein gesunder Lebensstil entwickelt, ist nicht nur vom Einzelnen abhängig. Wir sind immer auch in ein System eingebettet, immer autonom und abhängig zugleich“, so Peter Reinecke, Präsident des f.eh. Demnach bedarf es einer Balance zwischen Eigenverantwortung und sozialer Solidarverantwortung, um Gesundheitspotenziale zu optimieren. Doch die Frage ist: Wer hat den größten Hebel in der Hand? Die Meinungen dazu divergieren je nach Weltbild und Einstellungen. Divergierende Meinungen prägten schließlich auch die Diskussionen an diesem Tag.

Freiheit bedingt Verantwortung
Dompfarrer Toni Faber betrachtete das Thema von Seiten der theologischen Ethik und sprach sich der christlichen Soziallehre folgend, für den Gedanken der Eigenverantwortlichkeit aus. „Der Mensch ist selbstbestimmt und sich selbst, aber auch seinen Nächsten gegenüber verantwortlich. Doch es braucht ein offenes Erkennen für die eigene Verantwortung ebenso wie für die Grenzen der Freiheit. “Denn Eigenverantwortung übernehmen zu können, ist ein Ausdruck von Freiheit. Wer Verantwortung abgibt, die Schuld unkritisch auf ‚das Schicksal’ oder andere schiebt, gibt immer auch einen Teil seiner Freiheit ab – und dem anderen die Macht. Darauf weist Unternehmens-und psychologischer Berater Harald Pichler ausdrücklich hin:„Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten einer Medaille.“ Man antwortet auf seine Umwelt, auf die gegebenen Rahmenbedingungen, indem man Verantwortung für sein Tun und seine Entscheidungen übernimmt. Das betrifft letztlich auch die Lebensmittelwahl.

Verantwortung für sichere Lebensmittel
Aus rechtlicher Perspektive lässt sich Verantwortung sehr leicht erfassen. Verantwortung ist nur dort gegeben, wo eine bestimmte Norm, also ein Gesetz oder eine Verordnung, ein bestimmtes Verhalten fordert. Ein moralisch oder ethisch zu verurteilendes Verhalten ist rechtlich gesehen irrelevant. „Lebensmittelunternehmer sind dafür verantwortlich, dass die Anforderungen des Lebensmittelgesetzes erfüllt werden und sie unterliegen der Eigenverantwortung, dass die von ihnen hergestellten Produkte sicher und gesundheitlich unbedenklich sind “, stellt Christian Hauer von Schönherr Rechtsanwälte klar.

Das Entscheidungsumfeld modulieren
Ob und wie das Gesundheitsverhalten der Menschen verändert werden soll, wird sowohl in Fachkreisen wie in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Ein Ansatz, der gegenwärtig von vielen Experten als möglicher Konsens gesehen wird, ist das sogenannte Nudging. Alena Buyx, Medizinethikerin der Christian Albrechts Universität Kiel, macht sich dafür stark. Mit Nudging soll, vereinfacht gesagt, die Umwelt so verändert werden, dass die gesündere Wahl zur einfacheren Wahl wird. Gleichzeitig müssen dem Einzelnen aber alle Optionen bleiben. „Man darf das Individuum nicht zu etwas zwingen. Also, keine Steuern auf bestimmte Lebensmittel, keine Verbote. Der Einzelne muss die gleichen Entscheidungsmöglichkeiten haben.“ Es werden lediglich Rahmenbedingungen, wie etwa die Art der Produktpräsentation verändert. Hierbei nutzt man Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung. Arnd Florack vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien: „Wir überschätzen die Bedeutung der eigenen Willensstärke. Tatsächlich ist das Essverhalten überwiegend durch Einflüsse geprägt, die nicht in der eigenen Motivation begründet liegen.“ Die Teller- oder Löffelgröße beeinflusst den Konsum ebenso, wie das Essverhalten der anderen am Tisch oder Ablenkungen durch Fernsehen beim Essen. Florack sieht es als Chance, bei der Veränderung von Essverhalten seine eigene Umwelt entsprechend zu gestalten.

Ungesunde Lebensmittel oder Essgewohnheiten?
Stefanie Gerlach von der Deutschen Diabetes-Hilfe teilt dagegen in „gesunde“ und „ungesunde“ Lebensmittel ein und führte damit zu hitzigen Diskussionen. Denn die moderne Ernährungswissenschaft ist sich einig, dass es lediglich gesunde oder ungesunde Ernährungsweisen gibt. Die Einteilung einzelner Lebensmittel in diese Kategorien ist weder wissenschaftlich gerechtfertigt, noch zielführend. Als Verfechterin der politischen und staatlichen Regulation spricht sie sich unter anderem für Obergrenzen für Fett und Zucker in Lebensmitteln, Steuern, Werbeeinschränkungen und ein eingeschränktes Angebot an „ungesunden“ Lebensmitteln aus. Eine Steuer auf energiereiche Produkte wird hingegen von nur 5 % der Teilnehmer einer f.eh-Umfrage als sehr zielführend erachtet, die Regulierung des Angebotes von 8 %.

Eltern als hohe Verantwortungsträger
Um Verantwortungszuweisungen aufzuspüren, lud das f.eh im Vorfeld der Veranstaltung Vertreter aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, der Gesundheitsförderung, Wirtschaft, Politik und Verwaltung, Medien sowie Eltern- und Konsumentenvertreter zu einer zweiwellige Online-Umfrage ein. Es galt die Frage zu beantworten, wer letztendlich Verantwortung für einen gesunden Ernährungs- und Lebensstil übernehmen soll und kann. „Die Auswertung zeigt, dass rund 90 % der Befragten den Konsumenten selbst und seine Familie als hauptverantwortlich sehen“, berichtet Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des f.eh. An zweiter Stelle nennen rund 87 % der Teilnehmer Bildungseinrichtungen, wie Kindergärten und Schulen. Dahinter folgen der öffentliche Sektor (66 %), Ärzte (53 %) sowie die Wirtschaft in Form von Arbeitgeber und Lebensmittelwirtschaft (53 %).

Bildungseinrichtungen unterstützen
„Der f.eh Dialog ist ein Format, das unterschiedliche Meinungen und Weltbilder zusammenbringen will. Ziel ist es, das gegenseitige Verständnis zu fördern und schließlich einen gemeinsamen Weg zu finden“, erklärt Gruber. Dafür braucht es nicht nur das Bekenntnis aller Stakeholder, sondern auch viele engagierte Menschen, wie Elisabeth Rosenberger vom Verband der Elternvereine an den höheren und mittleren Schulen Wiens: „Eltern tragen ganz klar die Hauptverantwortung für das Ernährungs- und Bewegungsverhalten ihrer Kinder. Doch mit fortschreitendem Alter wird der Einfluss anderer Faktoren immer stärker.“ Investitionen in die Lehrerfortbildung und die gesundheitsförderliche Gestaltung von Schulbuffets sind ihr ein großes Anliegen. Denn es ist klar, dass nicht alles die Eltern stemmen können. Auch die Politik ist gefordert, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.

Genussvermittlung statt Verbote
Auch die f.eh-Umfrage ergab, dass Maßnahmen für Bildungseinrichtungen an vorderster Stelle stehen sollten. Dazu zählen die Vermittlung eines genuss- und freudvollen Lebensstils mit Vorbildwirkung, mehr Bewegung im Schulalltag, ein ausgewogenes Ernährungsangebot und die Sensibilisierung der Pädagogen bis hin zu einem verpflichtenden Unterrichtsfach „gesunder Lebensstil“. Die Ampelkennzeichnung oder Verbote einzelner Produkte an Schulen werden von den Umfrageteilnehmern dagegen nicht als zielführende Maßnahmen bewertet.

 

Fotocredit: Frank Helmrich

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